Ausgewählter Beitrag

Die Burgunder während der Völkerwanderung

Das Volk der Burgunder stammt vermutlich ebenso wie Goten, Heruler und Vandalen aus dem Gebiet südlich der Ostsee und es ist anzunehmen, dass die Siedlungsgebiete direkt benachbart waren. Möglich wäre eine vergleichsweise kleine Region westlich der Vandalen und südlich von Goten und Herulern, z.B. im Bereich des heutigen Bundeslands Brandenburg. Vielleicht waren die Burgunder einen Teil oder eine Abspaltung der Vandalen waren, heute dürfte dies kaum noch zu klären sein. Ob die Insel Bornholm ihren Namen „Burgundarholm“ im 8. Jahrhundert von den Burgundern als frühen Bewohnern oder als Zwischenstation ableitet, dürfte Spekulation bleiben. Generell ist davon auszugehen, dass in den frühen Zeiten eher einzelne Sippen anzutreffen waren als geschlossene Volksgruppen.

Früheste Erwähnung finden die Burgunder, als sie im Verbund mit den Vandalen im Jahr 276 wohl am Lech von römischen Truppen geschlagen wurden. Vielleicht siedelten die Burgunder danach in einem Gebiet am Main. Im 4. Jahrhundert werden die Burgunder als Verbündete Roms gegen die Alemannen verzeichnet. Möglicherweise haben sie sich in dieser Zeit im Bereich der Main-Mündung und am Neckar niedergelassen. Auf jeden Fall haben die Burgunder am 31.12.406 gemeinsam mit Vandalen und Alanen den Rheinübergang bei Mainz gegen fränkische Truppen erzwungen. Wohin sich die Burgunder nach der Rheinüberquerung gewandt haben, ist anscheinend nicht endgültig geklärt. Vielleicht blieben sie am Rhein im Raum Mainz und standen als Föderati in römischen Diensten, um die Rheingrenze für Rom zu schützen. Diese Vereinbarung hat offenbar für einen Zeitraum von ca. 20 Jahren Bestand gehabt und es finden sich Spuren der burgundischen Föderati-Truppen in verschiedenen Kastellen, z.B. Alzey und Gellep-Stratum.

Im Jahr 411 stellten sich die Burgunder unter ihrem Anführer Gundahar (um 376 bis 435) gegen Rom und unterstützten den gallorömischen Gegenkaiser Jovenius, um auf diesem Wege den eigenen Machtbereich weiter nach Westen auszuweiten. Nach der Niederlage in einer Schlacht gegen den römischen Heermeister Aetius im Jahr 435, bei der König Gundahar ums Leben kam, mussten sich die Burgunder aber wieder an den Rhein zurückziehen. Im Folgejahr wurde das Herrschaftsgebiet der Burgunder am Rhein von hunnischen Kräften überrannt. Auf dem Untergang des Burgunderreiches basiert das viel später geschriebene Nibelungenlied.


Auf der linken Karte sind die Bewegungen des hunnischen Heeres durch Gallien bis zur Schlacht Schlacht auf den katalaunischen Felder von 451 dargestellt, due rechte Karte zeigt die Bewegungen der einzelnen Heeresteile (Quelle: Es wird MapMaster als Autor angenommen (basierend auf den Rechteinhaber-Angaben), CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1357218 Rechte Karte: Von Dryzen in der Wikipedia auf Englisch - Übertragen aus en.wikipedia nach Commons durch MGA73., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10991950)

    

Mit Zustimmung von Rom siedelten die Burgunder 443 in der Westschweiz und 451 kämpften sie unter ihrem König Gundioch (um 410 bis 473) in einer Allianz unter Führung der Römer, Alanen und Westgoten unter ihrem König Theoderid I. (um 400 bis 451) mit insgesamt ca. 40.000 Kriegern auf den katalaunischen Feldern gegen ein Heer aus Hunnen und Ostgoten sowie ebenfalls Burgundern unter dem Ober-Kommando von Attila mit insgesamt ca. 45.000 Mann. Bei der Schlacht waren aber auch Heruler, Skiren und Franken beteiligt. Die Hunnen bildeten die Hälfte des hunnischen Heeres und bestand aus leichter Kavallerie mit Reiterbögen, die ostgotischen Truppen wurden zu einem Drittel aus schwerer Reiterei gebildet und der Rest der Truppen war Fußsoldaten. Auf der römischen Seite stellten Römer Franken und Burgunder die schwere Infanterie. Lang- und Breitschwert sowie Speere waren die üblichen Waffen der Infanterie. Die Westgoten stellten überwiegend die Kavallerie auf der römischen Seite, sowohl gerüstete schwere Reiter mit Stoßspeer als auch leichte Reiter mit Wurfspeeren und Breitschwertern.

In der Schlacht fiel der westgotische König Theoderid I. und das westgotische Kontingent wurde massiv von Ostgoten und Gepiden bedrängt. Gleichzeitig erlitt die hunnische Reiterei schwere Verluste durch die römischen Bogenschützen mit ihrer höheren Reichweite als die hunnischen Reiterbögen. Unter schweren eigenen Verlusten errangen die römischen Verbände den ersten Sieg gegen ein hunnisches Heer, das aber unbehelligt abziehen konnte. Für die Hunnen bedeutete diese Schlacht eine Schwächung der Kampfkraft und obwohl er schon im Folgejahr in Italien einfiel, musste er weitgehend ohne die Erreichung seiner Ziele eines römischen Titels, eines Föderaten-Vertrages oder der Zahlung von Jahresgeldern wieder abziehen. Er starb 453. Der Nachfolger von Theoderid I. wurde sein Sohn Thorismund, der bei der Schlacht auf den katalaunischen Feldern die westgotische Reiterei auf dem Südflügel kommandierte und vermutlich durch den Heermeister Aetius 454 ermordet wurde. Aetius strebte nach einem gesellschaftlichen Aufstieg und wollte seinen Sohn mit Eudoxia Placidia, die Tochter des Kaisers Flavius Placidius Valentinianus III., verheiraten. Valentinianus hat seinen Heermeister daraufhin eigenhändig erschlagen und Eudoxia Placidia heiratete später König Hunerich der Vandalen.

Nach der Schlacht auf den katalaunischen Feldern lehnten sich die Burgunder enger an Rom an und schon 456 kämpfte König Gundioch auf Befehl des weströmischen Königs Avitus in Spanien mit dem Westgotenkönig Theoderich II. gegen die Sueben unter ihrem König Rechiar. 457 wird er von Einwohnern Lyons zur Hilfe gerufen, die sich gegen die römischen Herrscher erhoben haben. Er übernahm entgegen der Vertragseinigung mit Rom die Stadt und wird in der Folge von Kaiser Majoran mit militärischer Gewalt unterworfen. 457 wird sein Bruder Chilperich zum König ernannt.

Im Jahr 461 wird Majoran ermordet und Gundioch weitet sein Herrschaftsgebiet ausgehend von seiner neuen Hauptstadt Lyon weiter aus. Dabei eroberte er Savoyen, die Südschweiz und Franche-Comte sowie die Provinzen Lugdunensis (das heutige Gebiet Burgund) und im Rhonetal Viennensis. Zur Sicherung seiner Herrschaft trennte die mit der Militärverwaltung betrauten Burgunder von den in der Zivilverwaltung eingesetzten Einheimischen. Nach dem Tod des mächtigen Heermeisters Aetius im Jahr 454 verheiratete der Nachfolger Ricimer seine Schwester Cartamena von den Sueben (um 421 bis 473) mit Gundioch. So sollte das Kräftegleichgewicht in Gallien aufrechterhalten werden. 463 macht Ricimer Gundioch zum Heermeister von Gallien und 472 holt Ricimer Gundiochs ältesten Sohn Gundobad um 440 bis 516) nach Rom und nach seiner Ermordung im selben Jahr folgt Gundobad ihm im Amt als Heermeister von Rom.

473 stirbt Gundioch mit 63 Jahren und Gundobad gibt sein römisches Amt wieder auf, um als Teilkönig  nach Lyon zurückzukehren. In diesem Jahr stirbt auch Gundiochs Bruder Chilperich I. (417 bis 473). Gundioch hat mit Caratema vier Söhne bekommen.

Godomar I. stirbt vermutlich schon vor 476 und konnte nicht von der Reichsteilung nach dem Tod seines Vaters profitieren.

Chilperich II. von Burgund wird um 445 geboren und nach dem Tod von Chilperich I. 473 vermutlich Teilkönig in Burgund. 477 wird er wohl von seinem Bruder Gundobad ermordet, der damit die Gesamtherrschaft über Burgund an sich gerissen hat. Nach dem Mord an Chilperich II.  durch den älteren Bruder Gundobad hinterlässt dieser seine beiden Töchter Chrona und Chrodechilde (um 474 bis 03.05.544) und Godegisel wird ihr Erzieher.

Godegisel von Genf (443 bis 501) wird 463 Teilkönig in der Schweiz und bekommt mit Theodoline von Genf (459 bis 557) mindestens drei Töchter. Prinzessin Regnaburga (475 bis 520) heiratet den Agiolfinger-Herzog Theodon von Bayern (470 bis 512), Theodoline von Burgund (um 500 bis um 550) wird mit Agiulf von Bayern verheiratet.

Nachdem Gundobad sich das Teilreich von Chilperich II. einverleibt hat, ist Godegisel anscheinend mit dem ihm verbleibenden kleinen Schweizer Teil nicht zufrieden und er verschwört sich mit dem Frankenkönig Chlodwig I. „mit den langen Haaren“ (um 465 bis 27.11.511), um Gundobad zu besiegen und sein Reich aufzuteilen. Um 500 stellte das fränkische Heer die Truppen von Gundobad und Godegisel kam ihm scheinbar zu Hilfe. Tatsächlich fällt er ihm in den Rücken und gemeinsam besiegen sie Gundobads Truppen. Gundobad kann fliehen und in Avignon ein neues Heer aufstellen. 501 belagert Gundobad vermutlich mit Unterstützung des Westgoten-Königs Alarich II. seinen Bruder in Vienne. Durch die Belagerung bricht in der Stadt eine Hungersnot aus und als die Bevölkerung die Stadt verlässt, zeigt ein Bürger Gundobad einen Weg über ein Aquädukt in Stadt. Dort überwältigt Gundobad die verbliebenen Truppen und tötet Godegisel samt seiner Familie.

Die von Godegisel aufgezogenen Töchter von Chilperich II. schickt Gundobad in die Verbannung. Dabei trifft der Frankenkönig Chlodwig II. auf Chrodechilde und hält bei Gundobad um ihre Hand an. 493 wird die Hochzeit gefeuert und beide bekommen vier Söhne und eine Tochter. Danach ist Gundobad fest an der Seite der Franken, auch als Chlodwig im Jahr 507 den Westgoten den Krieg erklärt. Vielleicht war er auch selber im Spätsommer 507 in der Schlacht von Vouillé beteiligt, bei der Alarich II. getötet wird. In der Folge erobern fränkische und burgundische Truppen 508 Toulouse. Burgundische Truppen unter Gundobad schlagen das westgotische Heer unter Gesalech, dem Nachfolger von Alarich II. bei Narbonne. Danach belagert man noch Arles, aber 508 kommt Theoderich I. der Große von den Ostgoten mit seinen Truppen den Westgoten zu Hilfe, entsetzt Arles und erobert Nabonne zurück. Bei weiteren Vorstößen erobern die Ostgoten auch Avignon. 513 folgt ein Friedensschluss der Burgunder mit Theoderich I. dem Großen.

Später hat Gundobad hat keine weiteren Feldzüge übernommen und stirbt im Jahr 516 mit vermutlich um die 76 Jahre. Vor 500 hat Gundobad gemeinsam mit seinen römischen Beratern eine Gesetzessammlung „Lex Burgundionum“ zusammengestellt, die das Zusammenleben von Burgundern und Römern regeln und verbessern sollte und auf Grundlage römischen Rechts burgundische Auffassungen berücksichtigt. Schon im Jahr 505 hat er seinen Sohn Sigismund (um 470 bis 523) als Unterkönig in Genf eingesetzt und er wird 516 Nachfolger als König des gesamten Burgunderreiches. Auf eine Aufteilung seines Reiches, wie sie bei seinen Vorfahren üblich war, hat Gundobad verzichtet.

Sigismund übernahm von seinem Vater auch den Titel eines „Heermeisters“ und derr oströmische Kaiser verlieh ihm den Ehrentitel eines „Patricius“. Ein Jahr nach der Inthronisierung verheiratete er seine Tochter Suavegotho (495 bis 521) an Theuderich I. von Franken (um 485 bis 534), den ältesten Sohn von König Chlodwig I., der mit ihrer Tante Chrodechilde verheiratet ist. Somit entsteht die zweite familiäre Verbindung zum Haus der Merowinger. Sigismund verdächtigt seinen einzigen Sohn Sigerich des Verrats und einer Verschwörung zu seiner Beseitigung. Daher lässt er ihn im Jahr 523 erdrosseln, er wurde nur 22 Jahre alt. Da Sigismund mit der Tochter Ariagne Ostrogotho von König Theoderich I. dem Großen verheiratet war, sorgt der Mord für eine Krise zwischen Burgundern und Ostgoten. Die Franken nutzen diese Situation, um das Burgunderreich anzugreifen. Der Angriff der fränkischen Truppen wird angeführt von Chrodechildes ältestem Sohn Chlodomer (495 bis 21.06.524) und Nachfolger von Chlodwig I. als König der Franken. Sigismund unterliegt und wird mit seiner ganzen Familie, zu der noch zwei weitere Söhne gehörten, gefangengenommen. Als Sigismunds Bruder Godomer II. (um 490 bis 534) 524 mit Unterstützung der Ostgoten einen Gegenangriff unternimmt, befiehlt Chlodomer am 01.05.524 Sigismund mit seiner ganzen Familie in einen Brunnen zu werfen, in dem sie ertrinken. Schon am 21.06.524 fällt Chlodomer in der Schlacht bei Vézeronce, die für Godomer erfolgreich ausgeht.

 

Chrodechilde von Burgund mit ihren vier Söhnen auf einer Miniatur (Quelle: Von Unbekannt - Bibliothèque municipale de Toulouse.,
Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3831938)

Drei Jahre nach dem Mord an Sigismund und seiner Familie werden die Leichen aus dem Brunnen geborgen und in der Johannes-Kapelle des von ihm gestifteten Klosters Saint-Maurice beigesetzt. Seit dieser Zeit wird für Sigismund der Beiname „der Heilige“ verwendet. Godomer II. folgt Sigismund 524 als König der Burgunder. 532 bringt einen erneuten Angriff der Merowinger auf das Burgunder-Reich und die dieses Mal können die burgundischen Truppen nicht mehrt standhalten und unterliegen in der Schlacht von Autun. 534 wird das burgundische Reich endgültig unter den merowingischen Herrscher aufgeteilt. Unter der karolingischen Herrschaft verschwindet das Reich der Burgunder damit unwiederbringlich, nur die Region behält ihren Namen „Burgund“. Später gibt es im 11. Jahrhundert eine Grafschaft Burgund. Unter dem König Robert II. ein Herzogtum der Kapetinger. Im 14. Jahrhundert waren die Herrscher Herzöge aus der Familie Valois-Burgund. Im 17. Und 18. Jahrhundert sind Adelige aus dem Geschlecht der Bourbon als Herzöge Herrscher über das Gebiet. Der letzte Herrscher aus dem Volk der Burgunder war aber auf jeden Fall Godomer II.

Jürgen Kaack 22.12.2018, 16.57

Kommentare hinzufügen

Die Kommentare werden redaktionell verwaltet und erscheinen erst nach Freischalten durch den Bloginhaber.



Kein Kommentar zu diesem Beitrag vorhanden